EBITDA

Kaum eine Finanzkennzahl hat in den letzten Jahrzehnten so viel Bedeutung erlangt wie das EBITDA. In nahezu jeder Unternehmenspräsentation, jedem Analysten-Call und jeder Übernahmeverhandlung taucht diese Abkürzung auf. Hinter den fünf Buchstaben verbirgt sich der „Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände“ – ein sperriger Begriff, der im Finanzjargon zum Glück meist bei seiner englischen Abkürzung bleibt: Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization.

Das EBITDA lässt sich bildlich als Blick auf die operative Motorleistung eines Unternehmens verstehen – ohne Berücksichtigung der Finanzierungsform, der Steuerlast oder der Investitionshistorie. Genau diese Fokussierung macht die Kennzahl so wertvoll, aber auch so umstritten.

Warum Unternehmen auf EBITDA schwören

In der Unternehmensbewertung hat sich das EBITDA als Standard-Bezugsgröße etabliert. Besonders bei Vergleichen zwischen Unternehmen zeigt sich seine Stärke. Zwei Firmen der gleichen Branche können völlig unterschiedliche Finanzierungsstrukturen, Steueroptimierungsmodelle oder Abschreibungsmethoden nutzen – und damit stark abweichende Nettoergebnisse erzielen, obwohl ihre operative Leistungsfähigkeit ähnlich ist.

Bei Unternehmensverkäufen wird das EBITDA häufig als Basis für die Preisfindung verwendet. Käufer zahlen typischerweise ein Vielfaches (Multiple) des EBITDA. Die genaue Höhe dieses Multiplikators hängt von Faktoren wie Branche, Wachstumspotenzial und allgemeinem Marktumfeld ab.

Auch für Unternehmen mit hohen Investitionen in der Vergangenheit bietet das EBITDA Vorteile: Es neutralisiert den Effekt früherer Großinvestitionen, die aktuell noch zu hohen Abschreibungen führen, aber die operative Profitabilität nicht mehr beeinträchtigen.

So wird’s berechnet – einfacher als gedacht

Die Ermittlung des EBITDA folgt zwei Wegen, die zum gleichen Ergebnis führen sollten:

Der erste Ansatz beginnt beim Umsatz und zieht schrittweise die operativen Kosten ab – außer Abschreibungen. Diese Methode entspricht dem Blick von oben:

EBITDA = Umsatz – Materialkosten – Personalkosten – Sonstige betriebliche Aufwendungen (ohne Abschreibungen)

Alternativ startet man beim Nettogewinn und addiert alle Posten hinzu, die in der EBITDA-Definition ausgeschlossen sind. Diese Bottom-up-Methode sieht so aus:

EBITDA = Jahresüberschuss + Steueraufwand + Zinsaufwand + Abschreibungen auf Sachanlagen + Abschreibungen auf immaterielle Vermögenswerte

Ein Beispiel: Ein mittelständischer Zulieferer erwirtschaftet 50 Millionen Euro Umsatz. Nach Abzug aller operativen Kosten (ohne Abschreibungen) bleiben 8 Millionen Euro EBITDA. Bei 3 Millionen Euro Abschreibungen, 1 Million Euro Zinsen und 1,2 Millionen Euro Steuern ergibt sich ein Jahresüberschuss von 2,8 Millionen Euro. Das EBITDA ist also fast dreimal so hoch wie der Gewinn unter dem Strich.

Die Schattenseiten: Was EBITDA verschweigt

Trotz seiner Beliebtheit steht das EBITDA auch in der Kritik. Einige der wichtigsten Einwände:

  • Es ignoriert den langfristigen Investitionsbedarf eines Unternehmens
  • Es sagt nichts über die tatsächlichen Cashflows aus
  • Es verschleiert Unterschiede im Working-Capital-Management
  • Es berücksichtigt nicht, ob Erträge wiederkehrend oder einmalig sind
  • Es begünstigt kapitalintensive Geschäftsmodelle im Vergleich
  • Es kann durch buchhalterische Spielräume manipuliert werden

Besonders deutlich wird die EBITDA-Kritik bei Warren Buffett. Der Star-Investor warnt seit Jahren, dass die Missachtung von Abschreibungen ein gravierender Fehler sei. „Abschreibungen sind Kosten, genauso real wie Gehälter“, betont er und verweist darauf, dass jedes Unternehmen früher oder später in seine Anlagen reinvestieren muss.

Die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, wie gefährlich eine zu starke Fixierung auf das EBITDA sein kann. Viele hochverschuldete Unternehmen wiesen zwar beeindruckende EBITDA-Zahlen auf, gerieten aber dennoch in Zahlungsschwierigkeiten, weil die tatsächlichen Cashflows nicht ausreichten, um den Schuldendienst zu leisten.

Der Branchenkontext entscheidet

Die Interpretation des EBITDA variiert je nach Wirtschaftszweig erheblich:

Im Technologiesektor, besonders bei Software-Unternehmen, kann das EBITDA durchaus aussagekräftig sein. Der Investitionsbedarf nach der Entwicklungsphase ist oft gering, und das EBITDA nähert sich dem operativen Cashflow an.

Bei Infrastrukturunternehmen wie Telekommunikationsanbietern oder Energieversorgern zeichnet das EBITDA dagegen ein unvollständiges Bild. Hier fallen regelmäßig hohe Investitionen an, um Netze zu modernisieren oder auszubauen. Diese Ausgaben werden im EBITDA nicht erfasst.

Im produzierenden Gewerbe hängt die Aussagekraft stark vom Automatisierungsgrad ab. Hochautomatisierte Unternehmen mit großem Maschinenpark haben typischerweise höhere Abschreibungen und damit eine größere Diskrepanz zwischen EBITDA und Gewinn als personalintensive Betriebe.

EBITDA-Varianten für besondere Zwecke

Aus dem Grundkonzept haben sich zahlreiche Spezialformen entwickelt:

Das EBITDAR erweitert das EBITDA um Mietkosten (Rent) und wird häufig in der Hotellerie oder im Einzelhandel verwendet, wo Mietaufwendungen einen erheblichen Kostenfaktor darstellen.

Das „bereinigte EBITDA“ (Adjusted EBITDA) eliminiert Einmaleffekte und außergewöhnliche Aufwendungen. Kritiker spotten manchmal über „EBITDAWO“ – „Earnings Before Everything That Doesn’t Add“ – und spielen damit auf die Tendenz an, unliebsame Kostenfaktoren herauszurechnen.

In Zeiten der Corona-Pandemie tauchte sogar das „EBITDAC“ auf – wobei das „C“ für Corona-bedingte Sondereffekte stand. Diese kreative Kennzahlenbildung stieß bei Wirtschaftsprüfern und Finanzaufsichten auf deutliche Skepsis.

Für eine fundierte Unternehmensanalyse sollte das EBITDA nie isoliert betrachtet werden. Erst im Zusammenspiel mit Kennzahlen wie Free Cashflow, Nettoverschuldung, Investitionsquote und Return on Capital Employed ergibt sich ein vollständiges Bild der finanziellen Gesundheit eines Unternehmens. Das EBITDA bleibt ein wichtiges Werkzeug im finanziellen Werkzeugkasten – aber eben nur eines von vielen.